NYC in Oktober/November – Eindrücke einer Präsidentschaftswahl
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Es hat nicht wirklich lange gedauert, bis ich mich für das Thema meines neuen Blog-Eintrags entschieden habe… Lange habe ich bewusst versucht, nicht über Politik zu lesen und zu diskutieren. Doch in den letzten Monaten gab einfach es keinen Ort mehr, an dem ich mich davor verstecken konnte.
Die Politik war in letzter Zeit
das Thema in den USA: Jeder – egal ob Kleinkind oder Rentner – wusste ganz genau, was gerade passierte und durch die Nachrichten ging. Neuigkeiten wurden einfach überall ausgestrahlt: in Sportbars, im Fernsehen in den Gemeinschaftsbereichen im Büro, auf kleinen Bildschirmen im Fahrstuhl, in der U-Bahn, … Und selbst, wenn ich versuchte, nicht auf die Bildschirme zu achten – irgendjemand in meinem Umfeld sprach sicher über die aktuellen Meldungen. Der Ablauf der Präsidentschaftswahlen erschien mir wie ein sorgfältig inszenierter Prozess, in den jeder einzelne Medienkanal involviert war. Und er schien jeden Einzelnen intensiv zu beschäftigen.
Nachdem ich den kompletten Wahlablauf aus unmittelbarer Nähe miterleben konnte, glaube ich, die amerikanische Kultur und die Menschen wieder ein Stück besser zu verstehen. Außerdem wurde mir klarer, welche Rolle die Politik für die Amerikaner spielt.
- Die Politik ist eine gigantische Bildungs-Maschinerie: Selbst Menschen, die nicht Betriebs- oder Volkswirtschaft, Geographie, Jury oder Steuerrecht studiert hatten, wurden durch die täglichen Nachrichten über viele Themen informiert und konnten diese Themen besser verstehen. Die Thesen wurden auf einen sehr einfachen Punkt gebracht und dann wieder und wieder und wieder wiederholt.
- Die Politik unterstützt die Menschen, sich eine eigene Meinung zu verschiedenen Aspekten der Gesellschaft zu bilden: Wenn es in diesem Jahr keine Wahlen gegeben hätte, hätten ich die meisten Leute sicher nicht so intensiv mit Themen wie Waffenkontrollen, Einwanderungsgesetzen, optimalen Steuersätzen oder ähnlichem auseinandergesetzt. Und sie hätten sich wohl in vielen Fällen auch nicht so eine klare Meinung zu diesen Themen geformt.
- Die Politik kann Leute entweder vereinen oder sie auseinandertreiben: In Amerika dreht sich vieles ums Networking und um gute Kontakte. Wenn Leute die gleiche Partei oder den gleichen Kandidaten unterstützen, bietet die politische Ebene eine tolle Gelegenheit, neue Verbindungen zu knüpfen. Auf der anderen Seite hören die Menschen einfach auf, miteinander zu reden, wenn sie unterschiedliche politische Meinungen haben. Ich war erstaunt mitzuerleben, wie Nachbarn oder Kollegen nichts mehr miteinander zu tun haben wollten, nur weil sie verschiedenen politischen Lagern angehörten.
Das Ergebnis der Wahlen ist deutlich anders als ich es erwartet hatte. Ich hatte angenommen, dass die Prognosen nach einem so gut strukturierten Wahlvorgang auch eine Punktlandung ergeben würden… Ich mache mir schon meine Gedanken um die Zukunft meiner türkisch-russischen Familie in diesem Land unter dem neuen Präsidenten. Andererseits kommen Selim und ich beide aus Ländern, deren Präsidenten ein ähnliches Profil haben wie der amerikanische „President-Elect“. Daher sind meine Bedenken wohl kleiner als die anderer Leute. Darüber hinaus kann ich die ganze Situation nicht wirklich beeinflussen. Also werde ich einfach beobachten, wie sich die Dinge weiter entwickeln.
Viele Grüße aus New York –
Anna