Februar – Arbeiten in einer anderen Welt
© Anna Budeyri
Da ich den Großteil meiner wachen Zeit im Büro verbringe, habe ich mich entschieden, in diesem Monat ein paar Zeilen über das amerikanische Arbeitsumfeld zu schreiben. Im Vergleich zu dem, was ich in Europa erlebt habe, gibt es hier schon einige interessante Unterschiede. Ich erkenne, was ich alles zu lernen habe und dafür ist hier ein spannendes Umfeld.
Hier sind meine Gedanken zu den drei ausfälligsten Unterschieden:
- Präsentations- und Kommunikationsfähigkeiten
Jedes Mal, wenn ich in einem Meeting sitze und jemand präsentiert, bin ich einfach nur fasziniert von der logischen Struktur, der mitreißenden Ausdruckweise und der engagierten Reaktion der Zuhörer. Natürlich präsentieren die Amerikaner in ihrer Muttersprache, aber es wirkt, als wären die Präsentationsfähigkeiten etwas, das einen viel größeren Stellenwert für die Karriereentwicklung hat und schon von früh auf geübt wird. Es ist sehr sichtbar, dass schon in Schule und Studium großer Fokus auf diese Fähigkeiten gelegt wird und selbst Berufsanfänger bereits oft vor anderen gesprochen haben. In meinem früheren Arbeitsumfeld habe ich wenige erlebt, die so unglaublich toll präsentieren konnten. Für die meisten war es eher eine Qual, vor Publikum sprechen zu müssen, und sie versuchten es unter allen Umständen zu vermeiden.
Für mich ist es toll, von so vielen Menschen mit großartigen Präsentationsfähigkeiten umgeben zu sein. Ich höre immer sehr aufmerksam zu, wenn jemand spricht oder präsentiert und achte nicht nur darauf, was die Leute sagen, sondern auch wie sie es sagen. Wenn ich eine Präsentation vorbereite, frage ich mich jedes Mal: „Wenn einer meiner amerikanischen Kollegen diese Dinge präsentieren würde, wie würde er oder sie das machen?“ Ich beobachte das sehr aufmerksam und habe das Gefühl, dass sich das, was ich sehe, auch allmählich positiv auf meine eigene Kommunikation und meine Präsentationsfähigkeiten auswirkt.
- Feedbackkultur
In Russland wird Kritik im Allgemeinen sehr offen geäußert - es liegt im russischen Naturell, Dinge sehr direkt anzusprechen, und es ist üblich, dass die meisten Menschen jederzeit ihre Meinung sagen. Auch wenn das Feedback nicht positiv ausfällt, aber dennoch konstruktiv vorgetragen wird („Aufgrund von A hast du das falsch gemacht. Das nächste Mal solltest du B machen.“), nehmen die Leute es positiv auf und versuchen, daran zu wachsen.
Im amerikanischen Büro fühlt es sich für mich an, als ob die meisten Dinge nicht angesprochen werden. Wenn jemand eine Meinung äußert, dass ist sie meist „great“ oder noch besser. Es ist unüblich, andere direkt zu kritisieren oder auf persönliche Verbesserungspotentiale hinzuweisen. Falls es sich wirklich nicht vermeiden lässt, negatives Feedback zu kommunizieren, überlegen die Leute oft lange, wie sie es für andere verpacken können. Sie werden definitiv mit einer positiven Aussage zu einem anderen Thema beginnen. Dann werden sie die eigentliche Nachricht rüberbringen, für die jedes einzelne Wort mit Bedacht ausgewählt ist. Am Ende des Gespräches gibt es auf jeden Fall wieder eine positive Nachricht, notfalls zu einem ganz anderen Thema.
Am Anfang hat es mich verwirrt, dass ich niemals irgendwelches kritisches Feedback bekomme habe. Nach einigen Monaten habe ich das Ganze nun besser verstanden und passe mich an. Sobald ich den Eindruck habe, es gibt Verbesserungsmöglichkeiten in meinen Projekten oder Präsentationen, spreche ich das direkt an und suche aktiv nach Feedback. Wenn das nicht funktioniert, dann wende ich mich an andere Nicht-Amerikaner – Deutsche, Türken oder Franzosen. Sie sind meistens sehr offen, mich auf Verbesserungsbereiche hinzuweisen, und das ist hilfreich.
- Selbstvermarktung
Die meisten Amerikaner wissen sehr gut, wie sie sich und ihre Ergebnisse erfolgreich verkaufen. Die allgemeine Meinung über Mitarbeiter im Büro hängt sowohl von den Ergebnissen ab als auch davon, wie sie präsentiert werden. Die Leute verbringen in etwa genauso viel Zeit damit, an den Inhalten zu arbeiten, wie anderen ihre Arbeit zu präsentieren. Auch das wirkt auf mich wie eine natürliche Fähigkeit und wird sicher im Laufe des Lebens immer besser trainiert.
In Europa habe ich es anders erlebt. Die meisten Leute glauben, dass die Anerkennung folgen wird, wenn die Arbeit in hochwertiger Form erledigt ist. Nur wenige Leute verbringen die gleiche Zeit mit Arbeiten und mit Sich-Verkaufen. Und wenn, dann wirkt das meist nicht sehr natürlich. Sie haben in Trainings gelernt, auf ihre Außenwirkung bewusst zu achten und sich und ihre Ergebnisse gegenüber anderen darzustellen. Das üben sie dann und sind oft erst nach vielen Jahren wirklich erfolgreich damit.
Für mich ist es inzwischen eine ständige Erinnerung, dass es nicht reicht, im Stillen zu arbeiten. Sobald ich ein Projekt abgeschlossen habe, mache ich mir nun Gedanken, wie ich es präsentieren kann, so dass auch andere davon profitieren und Bescheid wissen.
Es ist spannend, all diese Unterschiede zu betrachten und davon zu lernen. Da aber auch die Freizeit nicht zu kurz kommen darf, werde ich im nächsten Monat etwas mehr über die besten Freizeit-Insider-Tipps in New York berichten. Du darfst gespannt sein…
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